Beikost, Breikost, Fingerfood – Feste Nahrung fuer Stillkinder

So langsam dreht sich der Zeiger weiter in unserem Babyjahr und wir kommen von „vollgestillt“ zu „beigekostet“.
Obwohl das Wort „Beikost“ es ganz klar beinhaltet, sehen viele Eltern die anfaengliche feste Kost nicht als Beigabe zum Stillen (das gilt in Teilen auch fuer Formula-Kinder, aber damit kenne ich mich nicht wirklich aus…), sondern als „Anstatt-Kost“ und sind heiss darauf, moeglichst bald eine Mahlzeit zu ersetzen.
Ich hatte mich von Anfang an mit den ueblichen Ratgebern nicht recht wohl gefuehlt, schliesslich stillen wir nach Bedarf, welche Mahlzeit soll ich denn da wohl ersetzen? und wenn man im „vorgeschrieben“ Tempo Mahlzeiten ersetzt, ist das Kind ratzfatz abgestillt.
Das wollten wir dann doch nicht, denn auch wenn ich zunaechst nur mit einem lockeren „6Monate vollstillen“ gestartet bin, war mir doch klar, das nicht ab dem 6.Monat garnicht mehr gestillt wird.
Und Flaschen sollten uns nach Moeglichkeit garnicht erst ins Haus kommen, waere ja auch Unsinn – 6 Monate stillt man froehlich vor sich hin, um dann doch den Formula-Zirkus mitzumachen.
Ganz klar war von Anfang an, das Glas-Kost nur in Ausnahmefaellen auf dem Speiseplan sein sollte – ich bin eine excellente Koechin, warum sollte ich auf die Schergen von Hipp oder Nestle vertrauen, wenn es um mein Kind geht? Und Brei ist ne Konsistenz, die meines Erachtens eher fuer Sieche und Zahnlose geeignet ist – beides ist der Kronprinz nicht (2 Zaehne – aua!).
Wie dem auch sei:
zufaellig stolperte ich ueber den neuen Hype – Baby-led weaning, siehe auch hier.
Schon mal ganz gut, aber ist das nicht vielleicht auch sone ideologische Sache wie Windelfrei etc?
Letzten Ausschlag gab dann folgender Auszug aus einem Eintrag im Still-Lexikon:

Sanfte Einführung von Beikost

Empfehlungen zur Ernährung gestillter Säglinge und Kleinkinder werden unter dem Link „Empfehlungen der WHO“ beschrieben. Hier möchte ich nur auf die Einführungsweise von Bekost näher eingehen, da die in Deutschland übliche Praxis den Empfehlungen der WHO nicht entspricht.

Zur Einführung von Beikost wird in Deutschland üblicherweise folgende Empfehlung ausgesprochen:

„Ersetzen Sie pro Monat eine Milchmahlzeit gegen eine Breimahlzeit.“

Diese Regel mag bei Flaschenkindern sinnvoll und praktisch sein, bei Stillkindern ist sie jedoch nicht empfehlenswert, da sie dem Prinzip von Stillen nach Bedarf widerspricht. Daraus ergeben sich folgende Probleme:

* Zwar ist die Brust erstaunlich flexibel, aber eine lange künstliche Pause zwischen zwei Stillmahlzeiten kann zu einem unangenehmen Spannungsgefühl führen und erhöht das Risiko eines Milchstaus. Außerdem kann zu seltenes Stillen dazu führen, dass das Kind auch dann nicht satt wird, wenn gerade die Stillmahlzeit „an der Reihe“ ist.
* Statt auf die Bedürfnisse vom Kind zu achten, wird eine starre Regel diktiert. Dem Kind wird die Brust vorenthalten, wenn es angelegt werden möchte. Es kann sich dadurch abgelehnt fühlen und in seiner Wut auch die Beikost verweigern. Ein nach Bedarf gestillter Säugling trinkt an der Brust häufig und unabhängig von der Uhrzeit. Er ist nie völlig ausgehungert und möchte auch nach der Einführung von Beikost in der Regel genauso häufig an die Brust wie vorher. Er wird jedoch insgesamt weniger Muttermilch trinken als früher, weil er kürzer bzw. weniger intensiv trinkt.
* Die Regel „Pro Monat eine Stillmahlzeit wegzulassen“ führt dazu, dass auch mit Erfolg stillende Mütter unnötig schnell abstillen. Doch Beikost soll nach heutigen Erkenntnissen die Muttermilch im ersten Lebensjahr nicht ersetzen, sondern ergänzen!

Diese Regel kann daher getrost den Flaschenkindern überlassen werden. Die Empfehlungen der WHO sind für gestillte Säuglinge eine bessere Orientierungshilfe:

„Fangen Sie 2-3 Mal am Tag mit kleinen Portionen von Beikost an und steigern Sie die Menge je nach Appetit des Kindes! Stillen Sie weiter nach Bedarf! Steigern Sie die Häufigkeit der Mahlzeiten im Laufe der Monate!“

Diese Empfehlungen sind aus folgenden Gründen optimal:

* Die Beikost-Gabe wird gleichmäßig verteilt und kontinuierlich gesteigert, was mit dem natürlichen Abstillmechanismus und der Physiologie der mütterlichen Brust im Einklang steht.
* Der Abstillprozess wird durch die Bedürfnisse des Kindes und nicht durch starre Regeln bestimmt. Übrigens: Auch wenn Sie flexibel weiterstillen, können Sie feste Zeitpunkte für die Beikost einhalten, z.B. wenn die Familie zusammen isst.
* Muttermilch bleibt im ersten Lebensjahr die Hauptnahrungsquelle und stellt darüber hinaus noch weiterhin lange eine wichtige Quelle von Nährstoffen, Energie und Schutz vor Infektionen dar.

Wenn ein Baby oder Kleinkind nach Bedarf angelegt wird, kann es seinen Durst an der Brust löschen, indem es öfter für kürzere Zeit trinkt und somit die kalorienarme Vordermilch erhält. Man kann dem Kind ruhig (ungesüßte) Getränke anbieten, aber es ist kein Problem, wenn es gar nichts oder kaum trinkt. Das ist normal und kein Grund zur Besorgnis.
Beikost nach Bedarf

Das in Deutschland am meisten propagierte Beikost-Konzept mit drei wissenschaftlich zusammengestellten Breimahlzeiten wurde vom Forschungsinstitut für Kinderernährung (www.fke-do.de) erstellt und stammt aus einer Zeit, als man noch mit 4 Monaten Beikost einführte. Seit jedoch die WHO in 2001 6 Monate als den richtigen Zeitpunkt für die Beikosteinführung definiert hat, erscheint dieser Ernährungsplan überholt. Immer mehr verbreitet sich die Erkenntnis, dass ein nach Bedarf gestilltes Baby kompetent genug ist, auch die Beikost nach Bedarf zu verzehren (Quelle: Rapley G, Kleintjes S: Guidelines for implementing a baby-led approach to the introduction of solid food):

* Man kann dem Baby ab dem 6. Monat faustgroße Stückchen Nahrung aus der Familienküche (z.B. ein Stück Obst oder gekochtes Gemüse) anbieten. Wenn das Baby soweit ist, wird es das Essen in die Hand nehmen und probieren.
* Babys wollen die Kost selbstständig erkunden und nicht gefüttert werden. Genauso wie sie sich an der Brust selbst bedienen, möchten und sollen sie selber essen: Mit der eigenen Hand, im eigenen Tempo und nach der eigenen Auswahl aus einem kleinen, gesunden Angebot.
* Die Beikost braucht nicht püriert zu werden. Pürieren soll die Fähigkeit des Babys sogar stören, feste Nahrung zu verarbeiten. Stattdessen wollen Babys die Kost in ihrer originalen Konsistenz und jedes Lebensmittel separat kennen lernen.

Man braucht keine hochwissenschaftlich zusammengestellten Breie zu kochen oder zu kaufen, damit das Kind gut ernährt ist. Wenn das Baby eine Auswahl gesunder Nahrungmittel (in ihrer ursprünglichen Form, ohne Zucker, Salz und Gewürze) angeboten bekommt, wird es eine ausgewogene Auswahl treffen. Dabei ist es kein Problem, wenn das Baby nur kleine Mengen isst. Viele Babys wollen das Essen zunächst nur kennen lernen, satt werden wollen sie weiterhin an der Brust. Unter gesunden, voll ausgetragenen Babys, die nach Bedarf gestillt werden, ist ein Nährstoffmangel selten.

Aus folgenden Quellen können Sie sich über Beikost bei gestillten Babys weiter informieren:

* Gabi Eugster: Babyernährung gesund und richtig – B(r)eikost und Fingerfood ab dem 6. Lebensmonat
* Stefan Kleintjes: Stillfreundliche Einführung von Beikost (http://www.borstvoeding.com/voedselintroductie/blw/duits.html)
* Müller, Antje / Reich-Schottky, Utta: Beikost für das gestillte Kind
* Verbraucherzentrale Hamburg: Gesunde Ernährung von Anfang an, Hamburg 2001 (beziehen über http://www.vzhh.de)
* Die La Leche Liga und die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen bieten Veranstaltungen, Infohefte und persönliche Beratung an.“

im Still-Lexikon habe ich auch noch diese „Gegenüberstellung“ der Empfehlungen von WHO, FKE und AAP gefunden, interessant.

Ausserdem gibt es hier die Zusammenfassung eines Vortrags von Dr Gonzales, der das gute Buch „Mein Kind will nicht essen“ geschrieben hat.


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